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Die Rache der Mancha Blanca

Gleich hinter der Stadtgrenze müht sich der klapprige grüne Bus die Küstenstrasse hinauf. Auf dem Weg zur ökologischen Shrimpsfarm Bahía blicken wir auf die Ufer des Rio Chone. Die Szenerie wird von den riesigen industriellen Garnelenfarmen beherrscht. Kilometerlang erstrecken sich die von braunen, vegetationslosen Deichen begrenzten Becken an der Küstenregion.

"Früher", erzählt Nicola Mears, "früher standen hier Mangroven soweit das Auge reicht. Tausende Familien lebten von den reichen Fischvorkommen der Mangroven." Bis vor etwa 20 Jahren der Garnelenboom einsetzte und einigen Wenigen das schnelle Geld versprach. Bis heute wurden etwa 95 % der gesamten Bestände für die Aufzucht der beliebten Shrimps abgeholzt.

Ausbeutung der Ressourcen trieb die Garnelenindustrie in den Ruin
 
Zu Beginn war die komplette Produktion äußerst einfach: Die Becken wurden mit dem Wasser der umliegenden Mangroven geflutet und aus dem Meer gefangene Garnelenlarven eingesetzt. Nach etwa acht bis zehn Wochen konnten die ausgewachsenen Shrimps für gutes Geld in die reichen Industrieländer exportiert werden.
 
Die weltweit riesige Nachfrage nach dem Gaumenschmaus motivierte die Züchter, im Laufe der Zeit schrittweise die Besatzdichte zu erhöhen. Die Augen nur auf den Geldbeutel gerichtet traten bald die ersten Probleme auf:
Ähnlich der Landwirtschaft sind auch Monokulturen im Wasser sehr anfällig für Krankheitserreger. Neben den Proteinzugaben in Form von Fischmehl für gesteigerte Erträge mussten Antibiotika und Hormone exzessiv eingesetzt werden, um die Garnelenpopulation vor Erregern zu schützen.
Gefürchtet ist bis heute die Mancha Blanca (weißer Fleck), eine Viruserkrankung der Garnelen. Die Seuche raffte ganze Populationen dahin und die Überlebensrate der Shrimps sank von den ohnehin schon geringen 35 % auf gerade 10 %.
 
Die Kosten für Medikamente und Chemikalien stiegen und sollten durch höhere Absatzmengen ausgeglichen werden. Der Teufelskreis endete im totalen Kollaps der Garnelenindustrie. Die natürlichen Ressourcen waren ausgebeutet, die Böden der Zuchtbecken versalzen und ausgelaugt.
 
Die Garnelenproduktion Ecuadors, dem einst zweitgrößten Exporteur der Welt, brach innerhalb von drei Jahren um über 60 Prozentpunkte ein. Dutzende Garnelenexporteure standen vor dem Ruin. "Die Rache der Mancha Blanca", schmunzelt Nicola Mears.
Das entstandene Angebotsdefizit auf dem Weltmarkt wurde schnell von anderen Ländern wie Venezuela und Brasilien ausgeglichen. Gleichzeitig sank durch das wieder steigende Angebot der Preis, der sich bis heute auf einem vergleichsweise geringen Niveau eingependelt hat.
Nun kämpfen die Züchter mit niedrigen Preisen, geschwächten Garnelenpopulationen und ausgelaugten Böden.

Monokultur auf Dauer nicht maximal gewinnbringend
 
Die Industrie hatte nicht rechtzeitig erkannt, dass eine extensive Monokultur langfristig nicht gewinnmaximierend betrieben werden kann. Im Gegensatz zur industriellen Aufzucht wachsen Garnelen in der Natur in einem komplexen Ökosystem auf, in dem Mangroven zusammen mit einer Vielzahl von Fischen, Vögeln und Säugern eine vielschichtige Nahrungskette bilden.
Die Zuchtbecken jedoch gleichen einer Wasserwüste. Die Züchter dulden neben den Garnelen keine anderen wasserlebenden Tiere. Sie roden die Deiche, denn ihrer Meinung nach werden durch Pflanzenbewuchs nur Vögel angelockt, die sich von den Garnelen und damit auf ihre Kosten ernähren.
In Wirklichkeit trifft dies nur auf etwa 30 % der hier lebenden Vögel zu. Und da diese hauptsächlich kranke und schwache Tiere erbeuten, stärken sie damit indirekt die Population, klärt Nicola Mears diesen Irrtum auf.

Die Neuseeländerin arbeitet seit 1998 mit den beiden Ecuadorianern César Ruperti und Darío Proano an der Idee, einen natürlichen Lebensraum zu reproduzieren, in der die Garnelen gezüchtet werden können. 25 km flussaufwärts von Bahía de Caraquez entstand so vor zwei Jahren die weltweit erste öko-zertifizierte Shrimpfarm.

Dichtbewachsene Zuchtfarm
 
Mit heulendem Motor erreichen wir nach einigen Baumwollfeldern die Ökofarm Bahía. Von der holprigen Straße aus eröffnet sich ein herrlicher Ausblick auf das Tal und die Zuchtbecken. Die Deiche zwischen den Teichen sind üppig mit Mangroven und Schilf bewachsen und schon von Weitem sieht man zahlreiche weiße Königsreiher auf der Suche nach kleine Krebsen durch die halbgefüllte Becken waten.
"Wir wollten unsere Produktionsweise zertifizieren lassen", erläutert Nicola Mears. "Auf der Suche nach einem Partner entstand der Kontakt zur deutschen Organisation Naturland. Zusammen entwickelten wir die Standards für naturgemäße Garnelenproduktion."
Das größte Problem bei der Umsetzung bestand zunächst darin, ausreichend organisches Protein für die Zucht bereitzustellen, ohne auf das in der Industrie verwendete Fischmehl zurückzugreifen. Rund fünf Kilogramm Fischmehl werden zur Produktion für ein Kilogramm Garnelen benötigt. Nach Meinung der Ökofarmer eine Verschwendung natürlicher Ressourcen. Vegetarische Proteine aus bohnenartigen Pflanzen sollten die entstandene Versorgungslücke schließen. So wurde auf den Deichen der heimische Johannisbrotbaum angepflanzt. Dessen Samen werden zerstoßen und mit anderen pflanzlichen Produkten vermischt als Nahrungszusatz verwendet.
 
Die Nachhaltigkeit des gesamten Systems basiert auf einem gut durchdachten Zusammenspiel von Land- und Wasserwirtschaft. Die Ökofarm Bahía ist deshalb eng mit der Produktionsstätte "Encarnación" (Fleischwerdung) am Stadtrand von Bahía de Caraquez verbunden.
Dort werden Maracuja, Yuka, Aloe und Papaya kultiviert, die anschließend zum größten Teil dem Nahrungskreislauf der Garnelenzucht zugeführt werden. Passusfrüchte wie die Maracuja versorgen die Garnelen mit wichtigen Vitaminen. Der Dünger für die Kulturpflanzen wird wiederum aus den organischen Abfällen des Marktes und der Shrimpfarm gewonnen. So entsteht ein Kreislauf, in dem die natürlichen Ressourcen optimal verwertet werden.

Die Aquakultur produziert bereits selbst soviel Nahrung für die Garnelenpopulation, dass die Zugabe durch den Züchter im Vergleich zur industriellen Shrimpindustrie um zwei Drittel gesenkt werden konnte. "Gleichzeitig wurde auch der Einsatz von Proteinen von 40 % auf unter 14 % reduziert", erklärt Pedro, der Vorarbeiter der Zuchtstation nicht ohne Stolz.
 
Zwei Pferde grasen vor uns gemütlich auf dem Deich und machen erst nach mehrmaligen hupen den Weg frei. Schwarz gefleckte Schweine stehen bis zum Bauch im Wasser und stöbern zwischen dem Seegras mit den Nasen nach Verwertbarem.
Über uns nimmt ein großer Kormoran Kurs auf das Becken, wo gerade die Ernte eingeholt wird. "Nach acht bis zehn Wochen muss geerntet werden, sonst steigt die Gefahr der Mancha Blanca", erläutert Mears den zeitlichen Ablauf der Produktion.

Seit Jahren keine Chemikalien eingesetzt
 
Während die Industrie in guten wirtschaftlichen Zeiten bis zu 500 US-Dollar pro Hektar in Chemikalien investierte, ist hier seit Jahren nicht ein Gramm eines chemischen Substrates eingesetzt worden.
"Bakterien und Viren können nicht völlig ausgerottet werden. Es ist nicht möglich, aber auch nicht nötig", so Mears. "Wir ernten die Garnelen im ausgewachsenen Stadium und verzichten auf Mästung. Der englische Markt verlangt auch nicht danach. Zur Stärkung des Immunsystems setzen wir höchstens Biovirax ein, eine Mischung aus Zink, Germanium und anderen Mineralien. Eine Art natürliches Antibiotikum."

Ernte ohne Eile
 
Wir erreichen den Ablasskanal des Zuchtbeckens, um den ein großes rechteckiges Netz gespannt ist.
Ein braungebrannter Ecuadorianer fischt mit einem Käscher ohne jegliche Hektik die gefangenen Tiere aus dem Netz und wirft sie in einen blauen Bottich. Sein Kollege sortiert gemächlich den Fang aus: Die Shrimps wandern sofort in einen mit Eis gefüllten Bottich, eine Fischart namens Chame wandert in den für den Markt bestimmten roten Eimer, die Krebse in eine blaue Plastikkiste.
Der Dritte im Bunde der Arbeiter lehnt schläfrig neben seiner Schrotflinte an einem Johannisbrotbaum und beobachtet das ruhige Treiben. Arbeitsteilung auf ecuadorianisch.
"Nicht viele Menschen wissen das", unterbricht der braungebrannte Ecuadorianer plötzlich das kollektive Schweigen, "aber die Garnelen werfen in ihrer Wachstumsphase ihren Panzer ab. Regelmäßig kurz vor Vollmond. Wir ernten an Vollmond, dann sind die neuen Panzer ausgehärtet und die Tiere überstehen die Ernte und den anschließenden Transport besser."
Und der Vorarbeiter ergänzt stolz: "Unsere Farm kann im Vergleich zu den industriellen Farmen eine um sieben mal höhere Überlebensrate der Garnelen vorweisen."

Neben dem Willen fehlt das Geld für nachhaltige Produktion
 
Ob andere Farmen auch beabsichtigen, ihre Produktion auf eine ökologische Zucht umzustellen, will der Kameramann des japanischen Fernsehteams wissen, die eine Dokumentation über die Ökofarm drehen wollen.
Nicola Mears betrachtet nachdenklich die Garnelen in ihrer Hand: "Wir organisieren Schulungen für interessierte Garnelenzüchter. Zwei weitere Farmen stehen kurz vor der Zertifizierung. Vielleicht werden wir dann auch nach Deutschland exportieren. Aber den meisten Farmen am Rio Chone fehlt neben dem Willen nach der jahrelangen Misswirtschaft einfach das Geld."



 
industrielle Zuchtbecken

 
weitere Infos unter:
www.riomuchacho.com
 
Zuchtbecken
 
Ablasskanal
 
 
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