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David gegen Goliath

Oder

Wie die Organisation "Acción por la Vida" in Mindo gegen das Ölkonsortium OCP um den Erhalt seiner einzigartigen Schutzwälder kämpft

März 2002: Die Spezialeinheit der ecuadorianischen Armee kam in der Nacht. Schwer bewaffnet, in Tarnanzügen und mit schwarz bemalten Gesichtern kaum von ihrer Umgebung zu unterscheiden, drangen etwa 50 Soldaten in den kleinen Ort Mindo ein. Sie befreiten zwei mit Pipelinerohren beladene Sattelschlepper der OCP aus den Händen einer verzweifelten Dorfgemeinschaft, die mit allen Mitteln versuchte, ihre inhaftierten Mitbürger freizupressen.

Der Konflikt zwischen dem Ölkonsortium und dem Bergdorf begann zwei Jahre zuvor. Über Nacht kamen Bautrupps mit schwerem Gerät und schlugen eine Schneise in die Umgebung von Mindo. Keiner der Grundstückseigentümer und 800 Einwohner des Bergdorfes war von dem Vorhaben der OCP informiert worden, eine Pipeline quer durch den tropischen Bergwald Mindo-Nambillo zu verlegen.
Die Region zählt weltweit zu den fünf artenreichsten Schutzgebieten und ist durch seine steilen Bergkämme in weiten Teilen schwer zugänglich. Über 2000 Pflanzen- und 350 teils endemische Vogelarten leben in diesem Gebiet.

Die Bewohner organisierten sich in der Vereinigung "Acción por la Vida". Im offenen Dialog mit den Bauherren der Pipeline sollte die Möglichkeit einer alternativen Route erörtert werden. Die OCP reagierte sehr verhalten und Informationen waren für die Organisation nur schwer zugänglich. Das Militär bewachte weiträumig die Zufahrten zu den Baustellen.
 
Am 25.März 2002 versammelten sich mehrere Dorfbewohner und ausländische Aktivisten auf einem von dem Pipelinebau betroffenen Grundstück, um friedlich gegen die Pipeline zu demonstrieren. Das Grundstück endet auf dem Bergkamm Guarumos, wo die Rohre der Pipeline verlegt werden sollen.
Das Militär, in vielen Regionen entlang der transecuadorianischen Trasse vom Ölkonsortium bezahlt, löste die Zusammenkunft gewaltsam auf.
 
Insgesamt 17 Personen wurden verhaftet und nach Quito gebracht. Die aus den USA, Kolumbien, Irland, Italien und Deutschland stammenden Aktivisten wurden des Landes verwiesen, ihre ecuadorianischen Mitstreiter blieben zehn Tage in Haft. Verzweifelte Dorfbewohner brachten daraufhin zwei Sattelschlepper der OCP in Ihre Gewalt und versuchten, ihre Freunde freizupressen. Ohne Erfolg, wie sich zeigen sollte.
 
Da die Staatsanwaltschaft jedoch keine ausreichenden Beweise für eine Inhaftnahme vorlegen konnte, wurden die Aktivisten bald auf freien Fuß gesetzt. Das OCP-Konsortium legte daraufhin Einspruch ein und zeigte die fünf Mitglieder der Organisation "Acción por la Vida" wegen Sabotage und Unterstützung subversiver Gruppen an.

"Wir wollten auf dem Grundstück nur Präsenz zeigen und haben doch niemanden etwas getan", versteht Edwin Villota die Welt nicht mehr. Der Angeklagte wartet in Mindo auf seinen Prozess. Natalia Arias, Sprecherin der Organisation "Acción Ecologica", bestätigt seine Darstellung: "Die OCP wirft den Aktivisten vor, bewaffnet auf dem Grundstück erschienen zu sein. Sie hätten Barrikaden aus Holz gebaut und Gräben ausgehoben. Es handelte sich aber um eine absolut friedliche Aktion, nichts dergleichen ist geschehen."
 
Acht bis zwölf Jahre Gefängnis würde den Aktivisten im Falle eines Schuldspruches drohen. "Wir haben einen sehr guten Anwalt bekommen und die Anklage hat keine Beweise", versucht sich Edwin Villota optimistisch zu geben. Doch in seinem Gesicht spiegelt sich die Angst vor einer ungewissen Zukunft wider.

Um den gefährlichen Bau auf dem Bergkamm zu verhindern, entschloss sich die Organisation zum Kauf des 800 ha großen Gebietes.
Die Pipeline benötigt eine etwa acht Meter breite Trasse. Die OCP muss deshalb den nur zwei Meter schmalen Berggrat abtragen, um die Rohre verlegen zu können. Von den Baumaßnahmen ist deshalb auch das angrenzende Grundstück betroffen.
"Wir werden der OCP nicht das Wegerecht einräumen", erklärt Cesar Fiallo, Sprecher von "Acción por la Vida" die Strategie. "Die Trasse wird auf beiden Seiten lediglich von Sandsäcken und Holzbrettern gestützt. Gerade das Holz wird in unserem Klima schnell verrotten. Schwere Regenfälle verursachten schon während den Bauarbeiten kleinere Erdrutsche. Stellen Sie sich vor, die fertiggestellte Pipeline wird dort oben durch einen Erdrutsch beschädigt. Das auslaufende Öl würde die Natur auf beiden Seiten des Berges unwiederbringlich zerstören."

Die OCP hält ohne Rücksichtnahme auf die Besitzverhältnisse weiterhin an seinem Bauvorhaben fest. "Acción por la Vida" lässt deshalb von einem Gutachter offiziell klären, ob die OCP unberechtigt auf dem Grundstück arbeitet. Mit Hilfe von Satellitenmessungen sollen eventuelle unbefugte Arbeiten auf dem Grundstück nachgewiesen werden.
"Wir haben vernommen, dass die Inspektion zu unseren Gunsten ausfallen wird," berichtet die deutsche Biologin Heike Brieschke, die mit Ihrer Familie sieben Kilometer ausserhalb des Dorfes auf einer Finca wohnt. Nach einer gerichtlichen Prüfung der Inspektion könnte der Baustopp erwirkt werden.
 
Eine weitere Verzögerung, die den Bauherren nicht gefallen dürfte. Denn schon jetzt befindet sich das gesamte Bauvorhaben im Verzug und die geplante Fertigstellung im Juni 2003 dürfte nur schwer zu erreichen sein. "Von Dezember bis April können die Arbeiten an der schwer zugänglichen Trasse aufgrund der dann einsetzenden starken Regenfälle nicht fortgesetzt werden," so Cesar Fiallo.

Die OCP setzt deshalb alles daran, die Pipelinetrasse bei Mindo vor dem Beginn der Regenzeit fertig zu stellen.
Bis heute hat das Konsortium einen 400 Mann starken Bautrupp in dem kleinem Bergdorf einquartiert. Bei gerade 800 Einwohnern birgt dies erheblichen sozialen Zündstoff. Gewalttätige Auseinandersetzungen gehören mittlerweile zur Tagesordnung.
Ob die OCP wirklich wie geplant weitere 500 Bauarbeiter in das Gebiet verlegen wird, scheint momentan fraglich. Denn die sehr schlechte Bezahlung unterhalb des Tariflohns und die gefährliche Arbeit in den steilen Bergen führten unter den Arbeitern zu ersten Streiks. Seit zehn Tagen ist der Bau zum Erliegen gekommen.
"Die Männer verdienen an einem 12 Stunden Tag gerade zwischen vier und sechs US-Dollar. Zudem ist die Arbeit äußerst gefährlich." erzählt Natalia Arias von der Organisation Acción Ecologica, die sich ebenfalls für den Erhalt der Bergwälder einsetzt. "20 Bauarbeiter verloren auf der kompletten Trasse bereits ihr Leben."

Um trotz der Streiks die Bauphase rechtzeitig vor Beginn der Regenzeit zu beenden, beantragte die OCP letzten Monat bei der Regierung den Einsatz schweren Baugerätes.
"Wir haben in diesen Tagen erfahren, dass der Bitte stattgegeben wurde," zeigt sich Heike Brieschke sichtlich ernüchtert. "Um mit den Baggern überhaupt zu der Baustelle vordringen zu können, werden neue Straßen benötigt. Das wird das unberührte Schutzgebiet weiträumig schädigen. Wir müssen versuchen, uns erneut zu mobilisieren."

Doch der Widerstand in der Bevölkerung ist in den letzten Monaten zusehends gesunken.
"Bis vor einigen Monaten zählten wir knapp 200 aktive Pipelinegegner, heute sind es nur noch 25. Wer sich aktiv gegen die OCP stellt, bekommt zunächst Geld angeboten. Das stellt für die vielen armen Menschen in der Region natürlich eine Verlockung dar. Wer sich nicht kaufen lässt, wird von den Bauherren bedroht", erläutert Cesar Fiallo den rapiden Schwund seiner Aktivisten.
 
Cesar Fiallo und andere Mitglieder der Organisation lassen sich nicht kaufen.
"Neben einer Menge Geld boten Sie mir einen verantwortungsvollen Posten in der Pipelineaufsicht an. Doch es geht hier einfach um das Prinzip", trotzt der Kopf der Organisation allen Angeboten des Ölkonsortiums. Seine "mangelnde Einsicht" wird dem Hotelbesitzer und seiner Familie mit täglichen Repressalien vergolten.
Vor allem, seit der Bürgermeister die Fronten gewechselt hat. "Wir haben hier in Mindo immer ein latentes Wasserproblem. Zusätzlich 400 Arbeiter mehr mit Wasser zu versorgen, ist von einem Tag auf den anderen nicht zu bewältigen. Seit Tagen haben sie mir nun hier oben das Wasser abgedreht", regt sich Fiallo auf. Der Aktivist führt zusammen mit seiner Frau am Dorfrand ein kleines Hotel für Naturinteressierte. "Meine Wassertanks sind leer, die Toilettenspülung funktioniert nicht. Und der Bürgermeister toleriert die Situation." Direkt neben Fiallos Anwesen wurde ein Arbeitstrupp einquartiert. Tiefe Fahrspuren in der lehmigen Einfahrt erinnern an die schweren Baufahrzeuge, die hier nachts geparkt werden.

"Es ist so ähnlich wie bei David und Goliath," sagt Fiallo nachdenklich, "nur dass wir den Feind nicht wirklich ausmachen können. Er ist überall."
Der Stein, der die OCP ins Wanken bringt, könnte die Inspektion auf dem Berghang sein. Sollte die OCP ohne Erlaubnis Grund für die Trasse abtragen, müssen nach gerichtlicher Prüfung die Bauarbeiten eingestellt werden. An eine Wiederaufnahme der Arbeiten ist dann auch wegen der nahenden Regenzeit nicht vor Mai 2003 zu denken. Ob das Gutachten den Ölriesen im Kampf um den Berghang Guarumos zum Fallen bringt, kann bis jetzt jedoch niemand beantworten.

zu den Fotos aus Mindo
 

 
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